Mittwoch, 27. Januar 2010

Unter der Hand...



Verendetes Wesen, du seliger Geist

Dein trostloser Leichnam erzittert und starrt
Wenn schon deine Seele mit Sonnenstrahl reist
Nichts Lebendes von dir auf der Welt noch harrt

Ganz einsam und feucht zu Tale gebeugt
Liegt wund nur noch dein leerer Raum
Als was dein einstiges Hier sein bezeugt
Zart steigst du ab und wirst ein Traum

Verkümmert vertragen gräbst du dich in Moos
Verlierst deiner selbst im Gang sanfter Zeit
Von dir schon verlassen schwirrt Sternenstaub los
Und kündet, nun sei unser Jünger befreit




11.08.2005

Montag, 11. Januar 2010

Zur letzten Fahrt der Nautilus...



Heil

Heil dir König Nemo, Meeresmann,

du Wasserhexer, Seelentilger,

der Stund um Stund dem Tod entrann

Du Nixenjäger, Flutenpilger

So hör mich an

Du gotterfüllter Friedensjäger

Dein Lustgewinn an allem Guten

Macht Stund um Stund die die Wolken träger

Ich will, dass deine Ohren bluten

Und Fluten deine Augen schwemmen

Nur Märtyrer sind dir ergeben

Sollst weiter nicht die Schiffer hemmen

Die, anders, nicht nach oben streben!

Mit Greisenaug‘ und tauben Ohren

Willst du dem Wasserdruck entrinnen

Und suchst nur jene, die verloren

Mit deinen flachen, müden Sinnen

So halte ein und leg dich nieder

Die fahlen Zeiten sind vergangen

Der neue Seemann greift nach Flieder

Und will nach Grund und Wolken langen

Will kalte, grüne Meere trinken

Will Nixen lieben, Zagheit hassen

Will Pontos‘ schönen Töchtern winken

und Drachen an den Hörnern fassen

Wer braucht da einen Kammerjäger?



Montag, 14. Dezember 2009

Seidenponchos


Kleine stramme Waden
Vieler kleiner Zwerge


Wem könnten sie es sagen?



Ihre hohlen Sagen
Was ich stets verberge


Wie könnten sie’s ertragen?



Wüssten um den Schaden

Der stummen Tage Scherge


Wie könnten sie es wagen?


Krumme Rücken tragen

Hölzer kleiner Särge


Wem könnten sie es klagen?

Sonntag, 1. November 2009

Rückenwind

Der Hund der Zeit reißt an dem Strick

Knurrt vor lauter Köterklage

Durch fremden Honig ward er dick

Träge durch die warmen Tage

Durch Täler nun sein Bellen pflügt

Dringt in allertiefste Klammen

Der Ruf des gelben Tieres fügt

Die Herde nochmals zusammen

Sie rodet Berge wie Weiden

Frisst den Strauch samt Knospe, Samen

Ach, wie ist die Zeit bescheiden

Ach, was kennt die Zeit Erbarmen

Hin zum Biest und Knochenbergen

Denn Herbst protzt auf allen Fahnen

Gehisst von honigsüßen Schergen

Ach, was kennt die Zeit Erbarmen

Fortan kämmt ein Wind durch Breschen

Haucht ein Lied von Rost und Leiden

Zuckelt durch ergraute Eschen

Ach, wie ist die Zeit bescheiden

Abendblau




Grelle Lanzen aus Barracken stoßen in die Gassen

Phiolen dunst’ger Schleier sich auf ihnen entleeren
Ein Zwerg murrt in Versen, was wir Zwerge eben hassen
Und straff gespannte Trauben wollen längst an Ästen gären

Graue Würmer winden sich starr durch die mürrische Stadt
Ein Nachbar streift in pinkem Frack schnatternd um Gebäude
Und steht dann nah den Klippen, weil er sich vergessen hat
Ein Hecht derweil erzählt, wie er seine Zeit vergeude

Gurgelnd kurvt ein Wohnmobil des Nächtens durch Alleen
Ein kesser Knabe spielt galant in Strumpfhosen Geige
Verrückte Tänzer naschen in seinem Takte Schlehen
Und beten, dass er ihnen den Weg zur Krippe zeige



Donnerstag, 29. Oktober 2009

Morgengrau

Rosa-weiß auf Silberfäden
Hallo Spinner! Hallo Rad!
Der Ostwind reihert fette Wolken
In seine kuskusgrauen Weiten
Dschihad!
Die Pfützen und Wälder und Schützen und Gärtner
Erklären den Hunden und Kälbern den Krieg
In unserer Mitte spuken Greise
In unseren Kreisen splisst das Volk
Nur wir selbst, wir trinken Wermut
Aus rosa-weißen Fläschchen
Und pachten unsre Ländereien
Bis der Mond sich übergibt
Weil ich den sauren Rahm
in unseren engen Kleidern mag

Sonntag, 18. Oktober 2009

Pariser Himmel

Es war eine kalte Nacht. Ein Blick in den Himmel aber genügte, um alle Temperatur vergessen zu machen. Abertausend Lampen glommen zwischen dem schmächtigen Funkeln der Sterne und überstrahlten diese mit einem künstlichen Glanz, der einem automatisch Synthetikmief in die Nase trieb.

Nein, was sie empfand, was da ihren Rücken hinunterkroch, wenn sie den Kopf in den Nacken legte und in die grelle Schwärze vor dem Universum schaute, war weitaus mehr als bloße Kälte. Von einem mickrigen Schauer ganz zu schweigen. Sie blickte schnell wieder auf die nasse Straße zu ihrer Rechten und dachte, dass diese mit ihren flackernden Lichtreflexionen und der beinahe majestätischen Leere viel eher wie ein nächtlicher Himmel wirkte. Also spazierte sie nur wenige Zentimeter neben dem Himmel und den röhrenden Vögeln, die ab und zu an ihr vorbeibrausten, und verhakte die Finger hinter dem Rücken ineinander.

Es lag bereits vier Jahre zurück und dennoch frequentierten die Erinnerungen immer noch regelmäßig ihr Denken. Wie ein Bombenregen schossen sie auf ihren Verstand nieder und umzäunten ihr Fühlen. Mit tiefer Melancholie im Bauch dachte sie an alte Zeiten. An Gelegenheiten, die parallel zueinander verlaufen waren und an soviel Unentschlossenheit in einem Meer aus Impulsivität. Nun kam er doch, der Schauder und sie schüttelte sich unmerklich. Kleine Tropfen perlten von den groben Maschen ihres zweifarbigen Wollpullovers. Das Gefühl in ihren Mundwinkeln wollte sie zu einigen nonchalanten Tränen nötigen. Seufzend stellte sie sich die Frage, ob zu Ehren alter Augenblicke oder zu deren bloßer Schande. Sie unterdrückte das Bedürfnis zu weinen und ließ den Blick wieder über den Kunststoffhimmel wandern. Wie ungelenk und gebunden sie sich im Vergleich zu damals fühlte, wie allein, verlassen, klagend. Es war erbärmlich, dessen war sie sich bewusst. Hundserbärmlich.

Und wieder brauste einer der matten Vögel an ihr vorüber und bespritzte ihre Kleidung mit weiteren schmutzigen Wasserresten der Fahrbahn. Nie wünschte sie sich in solchen Augenblicken den nächsten Morgen herbei, immer nur den vorangegangenen, oder den davor, oder alle davor, und die Zeit zum Teufel und seinen giftigen Weibsbildern. Der BH zwickte unangenehm an ihrem Rücken, aber sie unternahm nichts dagegen. Es war eigentlich ein recht willkommenes Gefühl. Morgen würde sie die drei anrufen und versuchen, so zu sprechen, wie sie damals wohl gesprochen hatte, ehe sich vier aufgedunsene, nutzlose Jahre zwischen sie gezwängt hatten. Vielleicht auch nur zwei von ihnen, ihn mochte sie nicht mehr so. Die Erinnerung an sein Gesicht war schon zu verblasst und lag verschoben hinter hundert anderen Mimikschablonen. Aber erst würde sie zurück nach Hause und sich in dem speckigen Sessel ein paar Gläser mit warmem Wein gönnen. Und dann, morgen, wenn sie spät, gerädert und so speckig wie ihr Mobiliar aus ihrem Bett gekrochen war, würde sie ihre verhasste Küche und den verhassten Flur sehen und sich dafür schämen, niemals den Mut des vorangegangenen Abends aufbringen zu können, ehe sie den Hund fütterte.

Aber vielleicht würde sie auch weiterwandern. Weiter, immer ein paar Schritte vom Himmel entfernt, auf einer Linie mit den Wolken und zusammen mit den Winden, neben dem Funkeln am Firmament. Und vielleicht, ganz vielleicht würde der blöde Himmel dort enden, wo tatsächlich keine Zeit mehr existierte. Wo Gestern gleichwohl Morgen ist und wo Jahre Spucke sind. Und wenn dieser Ort beim Teufel sein sollte, so würde sich nicht zögern, eines seiner giftigen Weibsbilder zu sein.

Nicht eine verfluchte Sekunde.

 
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