Sonntag, 20. Juni 2010

Brillanz


Brillanz in steifer Formation
Und eingehüllt in raues Leder
Sei heuer deiner Düfte Lohn
In Pfauentracht erscheine jeder

Mit Wässerchen ihr mich umwerbet
Und schmucken Ketten über Wunden
Auf dass die Tochter Leder erbet
Nur dieser Wunsch hat mich gefunden

Flüssen gleich schallt der Gesang
Aus all den wohl bemalten Mündern
Um Ecken, Leuchter schnell entlang
So wollen eure Lieder plündern

Vergiss mein nicht prangt auf den Stirnen
Und angehoben sind die Kleider
Der Ballsaal ist das Haus der Dirnen
Vergänglichkeit ruft all euch Neider

Vergänglichkeit auf eure Zungen
Vergänglichkeit aus euren Noten
Vergänglichkeit um euch geschlungen
Brillanz ist nur das Gut der Toten



12.12.2007

Mittwoch, 16. Juni 2010

Das Ende der Geschichte

Was, wenn irgendwann alle Geschichten erzählt sind?
Da die menschliche Phantasie sich zwangsweise schneller als Technik und Forschung entwickelt (schließlich unterliegt sie weniger strengen Auflagen), ist irgendwann die Welt der vorstellbaren Geschichten zur Genüge erkundet. Vorstellungsvermögen und (technischer) Fortschritt bedingen sich prinzipiell gegenseitig. Erstere gibt die Impulse für zweites, zweites erweitert die Spielwiese ersterer.
Und während die Phantasie rast, schleicht der relative Fortschritt.

Sind alle Geschichten aber bekannt und werden sie – wenn überhaupt – nur noch in Nuancen variiert, stellt sich schnell Abnutzung ein. Zauber und Faszination des jeweiligen Erzählmediums nehmen stetig ab. Die mannigfaltigen Spektren vergangener und hypothetisch zukünftiger Epochen wurden weitestgehend ausgelotet – und selbst hier lässt sich das Erzählte im Regelfall auf den immer gleichen, bewundernswert wirksamen Kern reduzieren. Trieb sei Dank.

Nachdem das Theater immer mehr vom Film abgelöst wurde, wucherten die Ideen verhältnismäßig synchron zur Erschließung neuer Möglichkeiten. War man früher noch auf 1:1 abfilmbare Begebenheiten beschränkt, expandierten die Grenzen recht schnell dank sich dazugesellenden Extras wie Ton, Farbe und den ganzen Rest an manipulativer Möglichkeiten, der heute Standard ist.
Doch irgendwie scheint man nun ja an einer gewissen Grenze zu stehen. Alles, was unsere Sinne aufzunehmen in der Lage sind, lässt sich in Kunst festhalten. Jede annähernd beschreibbare Fantasie lässt sich, das entsprechende Budget vorausgesetzt, meist ohne nennenswerte Konvertierungsverluste für Dritte auf der Leinwand reproduzieren. Der aktuell als nächster Schritt cineastischer Evolution angepriesene 3D-Effekt ist bekanntermaßen ein alter Hut und verspricht auf inhaltlicher Ebene kaum Mehrwert. Eher im Gegenteil, wird er doch zumeist vielmehr zwecks Kompensierung vorherrschender Innovationsarmut angewandt (wobei das Klagen ob dieser ebenfalls seit Anbeginn der Kunst als ständige Begleitung diente, sei’s drum). Markttaugliches HD schafft bestenfalls graduelle Optimierung und das Gros bisheriger Fluchtwege (Geruchskino…) ging meist als erinnerungswürdiges Kuriosum in die Historie cineastischer Erzählkunst ein. Die nächsten vorstellbaren wahrhaftigen Entwicklungssprünge scheinen hingegen augenblicklich unbezahlbar und/oder Science Fiction.
Nochmal: Was also, wenn der Teich der Ideen leergefischt ist? Wovon ernährt sich der Mensch, der nach tristem Alltag auf Entspannung und Realitätsflucht aus ist, wenn die Kunst auf der Stelle tritt? Wer jeden Helden schon hat scheitern, ficken und siegen sehen, frustriert zusehends durch ständiges Recycling. Doch was hilft alles Klagen über stümperhafte, faule und den Massengeschmack fütternde Autoren, wenn sich schlicht nichts Neues mehr finden lässt? Und schließlich beschränkt sich dieses Problem bei weitem nicht auf die Filmindustrie.
Also ein drittes Mal in furchtbar theatralisch: Was geschieht, wenn die Gattung Mensch an die Grenzen ihrer möglichen Kultur gelangt? Wo sie sich letztlich doch durch diese definiert…

Mittwoch, 27. Januar 2010

Unter der Hand...



Verendetes Wesen, du seliger Geist

Dein trostloser Leichnam erzittert und starrt
Wenn schon deine Seele mit Sonnenstrahl reist
Nichts Lebendes von dir auf der Welt noch harrt

Ganz einsam und feucht zu Tale gebeugt
Liegt wund nur noch dein leerer Raum
Als was dein einstiges Hier sein bezeugt
Zart steigst du ab und wirst ein Traum

Verkümmert vertragen gräbst du dich in Moos
Verlierst deiner selbst im Gang sanfter Zeit
Von dir schon verlassen schwirrt Sternenstaub los
Und kündet, nun sei unser Jünger befreit




11.08.2005

Montag, 11. Januar 2010

Zur letzten Fahrt der Nautilus...



Heil

Heil dir König Nemo, Meeresmann,

du Wasserhexer, Seelentilger,

der Stund um Stund dem Tod entrann

Du Nixenjäger, Flutenpilger

So hör mich an

Du gotterfüllter Friedensjäger

Dein Lustgewinn an allem Guten

Macht Stund um Stund die die Wolken träger

Ich will, dass deine Ohren bluten

Und Fluten deine Augen schwemmen

Nur Märtyrer sind dir ergeben

Sollst weiter nicht die Schiffer hemmen

Die, anders, nicht nach oben streben!

Mit Greisenaug‘ und tauben Ohren

Willst du dem Wasserdruck entrinnen

Und suchst nur jene, die verloren

Mit deinen flachen, müden Sinnen

So halte ein und leg dich nieder

Die fahlen Zeiten sind vergangen

Der neue Seemann greift nach Flieder

Und will nach Grund und Wolken langen

Will kalte, grüne Meere trinken

Will Nixen lieben, Zagheit hassen

Will Pontos‘ schönen Töchtern winken

und Drachen an den Hörnern fassen

Wer braucht da einen Kammerjäger?



Montag, 14. Dezember 2009

Seidenponchos


Kleine stramme Waden
Vieler kleiner Zwerge


Wem könnten sie es sagen?



Ihre hohlen Sagen
Was ich stets verberge


Wie könnten sie’s ertragen?



Wüssten um den Schaden

Der stummen Tage Scherge


Wie könnten sie es wagen?


Krumme Rücken tragen

Hölzer kleiner Särge


Wem könnten sie es klagen?

Sonntag, 1. November 2009

Rückenwind

Der Hund der Zeit reißt an dem Strick

Knurrt vor lauter Köterklage

Durch fremden Honig ward er dick

Träge durch die warmen Tage

Durch Täler nun sein Bellen pflügt

Dringt in allertiefste Klammen

Der Ruf des gelben Tieres fügt

Die Herde nochmals zusammen

Sie rodet Berge wie Weiden

Frisst den Strauch samt Knospe, Samen

Ach, wie ist die Zeit bescheiden

Ach, was kennt die Zeit Erbarmen

Hin zum Biest und Knochenbergen

Denn Herbst protzt auf allen Fahnen

Gehisst von honigsüßen Schergen

Ach, was kennt die Zeit Erbarmen

Fortan kämmt ein Wind durch Breschen

Haucht ein Lied von Rost und Leiden

Zuckelt durch ergraute Eschen

Ach, wie ist die Zeit bescheiden

Abendblau




Grelle Lanzen aus Barracken stoßen in die Gassen

Phiolen dunst’ger Schleier sich auf ihnen entleeren
Ein Zwerg murrt in Versen, was wir Zwerge eben hassen
Und straff gespannte Trauben wollen längst an Ästen gären

Graue Würmer winden sich starr durch die mürrische Stadt
Ein Nachbar streift in pinkem Frack schnatternd um Gebäude
Und steht dann nah den Klippen, weil er sich vergessen hat
Ein Hecht derweil erzählt, wie er seine Zeit vergeude

Gurgelnd kurvt ein Wohnmobil des Nächtens durch Alleen
Ein kesser Knabe spielt galant in Strumpfhosen Geige
Verrückte Tänzer naschen in seinem Takte Schlehen
Und beten, dass er ihnen den Weg zur Krippe zeige



 
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