die in gottverlass'nem Kummer ihre Wurzeln offenlegen Und in Schatten krummer Bäume ihren Arm gen Himmel recken Auf den Weglauf fällt wie Träume ruhelos Novemberregen
Wie ein Traum auch zieh'n die Wolken grauumarmt am Augenrand eng umschlungen mit den Winden, die durch die Alleen fegen Stumm und bitter trägt er leis' die Nacht in dieses arme Land Und alles Schweigen dieser Stätte gibt der Schwester seinen Segen
Astlos stehen kranke Stämme an den Rändern leerer Plätze die umhüllt von toter Rinde lebensblind zum Pfad sich neigen schleichend nun die Düsternis das letzte fahle Licht ersetze um dem Tod in seinem Kleid mit Fingerwink den Weg zu zeigen
Ängstlich drehend scharrt sich Laub an aufgebroch'ne Wurzelstränge die wie Finger längst vergrab'ner leidig aus dem Erdreich ragen strecken nach den greisen Blättern säuselnd ihre kargen Fänge Altes Kleid von nackten Zweigen, die nun still zum Himmel klagen
Und jener blickt mit trübem Auge auf die kahlen Felder nieder Wie ein Spiegel dieser Zeiten, hart und mit der Not verhangen auf den Tränen Gottes‘ Wangen zeigt sich dieses Bildnis wieder Novemberregen weint er traurig, als würd' er um Verzeihung bangen
Magnus ist mein Freund Und siehe da! Wie er am Brunnen steht Und seine Spiegelfratze Mit Steinen bombardiert Magnus ist mein Freund Und doch! Streut er die Steine Tag für Tag Über sein Antlitz mit Bedacht Schon früh Bevor die Sonne Zu drehen sich beginnt Stolziert er hinauf Den Berg hinauf zum Brunnen Und sammelt Kiesel – von dem Wegesrand Mit ruhiger Hand Und spät Wenn schon die Sonne Nicht mehr dreht Sieht man ihn aus der Ferne Aus der Ferne Am Brunnen stehen Und Steine werfen Niemals kniend Niemals kauernd Niemals ruhend Immer Steine streuend Auf sein Spiegelantlitz In den Brunnen Magnus ist mein Freund Und doch! Ist seine Sprache stumm Ist seine Sprache stumm und quer In seinen Worten scheinen auch Die Steine seiner Wege aufzuragen Vor etwas Zeit besuchte ich Magnus, meinen Freund Und traf auf ihn Gehüllt in viele Laken Denn es war Nacht Denn es war kalt Da ich sanft mein Worte An meinen Freunde Magnus trug Schlug er die Augen auf Die Augen klar wie Wasser Und sprach in leisen Leisen, kaum hörbaren Versen Ganz nächtlich schlimme Dinge Und jede Silbe seines Brunnes Erstreckte sich durch Stunden Bis schließlich dann Bis schließlich dann der Morgen graute Und er aus seinen Laken klomm Magnus ist mein Freund Und doch! Liebt er den Brunnen mehr als mich Und doch! Liebt jeder Stein den Magnus mehr Als ich mit meiner ganzen Freundschaft Zu können es vermöge Und wenn auch tausend Rösser zögen Deshalb nenn‘ ich ihn meinen Freund Deshalb will er mir Will er mir einen Brunnen bauen In den auch ich, so ich denn will Die Steine, die ich finde Auf jenes Antlitz werfen kann Das zu mir in die Höhe schaut Magnus ist mein Freund Und doch! Errichtet er den Brunnen Der unsrer Freundschaft angedacht Nie und nicht an keinem Tage An keinem Tage steht er auf Und streut nicht seine Steine Anstatt mit ihrer Masse Den Brunnen mir zu bauen Magnus ist mein Freund Und doch! Erkenne ich erst spät Dass alle Steine Alle Steine seiner Wege Nicht passen Für den Brunnenbau Weil all die schwache Erde Weil all die vielen Steine Zu schwer sind für den Berg Und sich selbst Zu Stäuben pressten Wenn man sie aufeinandersetzte
Sie erkennen, wie der Tod in der Menge steht und raucht. Seine stromlinienförmigen Falten, die sich über das Gesicht ziehen, wirken wie Canyons. Ihre Sinne nehmen ihn war, sind sensibel für ihn, weil sie verliebt sind. Weise und verliebt. Ihre Bitte an ihn, sich eine Hand vor die Augen zu halten, findet Gehör. Der Tod schmunzelt und die Falten wandern über den Stirnknochen wie rastlose Dünen. Sie nehmen seine Hand, die andere, und führen ihn durch die Menge; jeder hält zwei seiner Finger umschlossen. Lotsen ihn vorbei an der Hexe, führen ihn am Stand vorüber, der Gebäck gegen Scheine eintauscht. Die Schar der Menschen lichtet sich langsam, der Platz liegt im Rücken. Zwei Verliebte und ein Mann in Schwarz. In einer Gasse machen sie halt. Die Fassaden der Häuser rücken näher zusammen. Auf seinem Weg zum klammen Betonboden wird das Licht von den Wänden verschluckt und weit entfernt lockt ein Kater seit Mittag schon. Sie setzen sich in ein Beet aus Kieseln, dem Tod zu Füßen, der ungeduldig auf den Sohlen seiner Stiefel wippt. Etwas Wind verfängt sich in seinem Mantel und der Schatten zwitschert angespannt durch die Gasse. Er nimmt die Hand von den Augen. Überall ist Licht.
Sie erstellt Webseiten für Freunde und Bekannte, die halbe Welt scheint an sie heranzutreten, wenn eine virtuelle Präsentation vonnöten ist, die auch was hermacht. Als ich scherzhaft sprach, sie habe auch mir ein kleines Onlinereich zu erstellen (mit nichts als einem Blog, so endete die neckische Aufforderung), hatte ich nach Sekunden einen Link vor mir, der mich hierher führte. Das und eine Mail von Google, die mir nahelegte, ich möge doch bitte meine E-Mail verifizieren oder sagen, dass ich den angebotenen Dienst auch ohne Aufforderung nutzen möchte.
Nun, hier bin ich. An dieser Stelle vielen Dank, Frau A., ich bin beeindruckt, beschämt und auch ein wenig ratlos.
Zum einen mag ich keine Blogs. Aus Prinzip. Publizierte Worte haben in meinen Augen lange Zeit etwas Gewichtiges gehabt. Sie waren etwas, dem man Aufmerksamkeit zollte, da man eine gewisse Substanz erwarten konnte. Sicher traf dies nicht immer zu, doch die Möglichkeit befand sich durchaus im Rahmen. Nun, da jeder alles verbreiten kann, findet man sich in einer Flut aus Beliebigkeit wieder. Nicht jeder hat etwas zu sagen - und kaum jemand Dinge von Belang. Das beste Beispiel dürfte ich abgeben, der in seinem Leben nicht ein Werk der Popliteraur zuende gelesen hat, sich im Eingangsbeitrag aber dennoch über dieses Genre echauffiert, als wäre es nicht nur Recht, sondern auch höchste Pflicht.
Zudem bin ich mir gar nicht so wirklich darüber im Klaren, was denn überhaupt in einen solchen Blog hineingehört. Ich sah ihn stets als eine Art öffentliches Tagebuch - was ja für sich schon etwas wunderlich anmutet. Aber dann hätte sich dieses Werkzeug wohl nicht etablieren können. Also eher ein Meinungsaustausch, der ein wenig einseitiger als in einem Chatroom ausfällt? Oder doch eine Plattform für Essays und persönliche Brennpunkte? Na ja, ich schreibe hier schließlich auch irgendwas hin.
Und wer liest das Ganze überhaupt? Sucht man sich seine Leserschaft aus, indem man Freunde und Bekannte auf seine neue Mitteilungszentrale aufmerksam macht? Sorgt die jeweilige Plattform mittels zufälliger Angebote und Bewertungssystem dafür, dass die Interessierten von sich aus zum Berg finden? Ich könnte mich natürlich auch fix informieren, aber was für Stoff hätte ein Blogger wie ich dann zum bloggen?
Im Übrigen hatte Frau A. bis vor grob einer Stunde Geburtstag, sie sieht aber immer noch gut aus. Außerdem habe ich eine Schuld bei ihr, deren Frist vermutlich schon verstrichen ist oder gerade im Begriff ist, dies zu tun. Ich hoffe, sie lässt Gnade vor Recht walten, wenn sie sieht, mit welcher Inbrunst ich ihr neues Spielzeug nutze. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.
Gepflegte, reinlich rasierte deutsche, markant eckig, medienwirksame Profile. Reden von kleinen Menschen, von Völkern, Völkchen und assoziieren einenBlick auf die Gesellschaft. Betreiben Literatur, die spiegeln soll, den Protagonisten und, aufgrund der fast deckungsgleichen, weil autobiographisch kreierten, Figur, auch den Leser im Laufe der Geschichte entlarven, was zugleich Nahrung, Triumph und Atem dieser Werke darstellt. Dass auf diesem Wege Kreativling und literarische Ergüsse ebenso entlarvt werden, stellt den selbstironischen Teil dar, der sie in Interviews mit popkulturellen Persönlichkeiten, um einen modernen Schreibtisch herum, mit modischem Hemd, legerer Anzugshose, auf der Schneide von seriös und sympathisch, der identifizierten Leserschaft schmackhaft macht und für ein paar Tage Eisidole in einer durch Reibungsenergie glühenden Glätte zaubert. Und weil sie eben über sich selber lachen, sich vor einer Hundertschar ausziehen und diese so und nur so zum johlen bringen, enden diese Geschichten gut. Deswegen gibt es zwischen Onanie und Fernsehen auch noch Liebe und die Vollkommenheit eines absichtlich unvollkommenen Mikrokosmos hinterm Kaleidoskop.
Idole, die selber nicht wissen, wohin, die irgendwo potenzierten Intellekt haben, vielleicht auch nicht, und diesen analytisch dazu nutzen, das Nichts, das sie um sich herum erblicken, niederzuschreiben. Kurz, prägnant, wie Mehlspeise. Keine Kauarbeit, leicht zu verdauen, lange sättigend. Breiig. Grau. Betäubend. Futter, das nichts kostet, nichts bringt. Sie wissen dies, vielleicht schauen sie selbst oft irritiert zur Seite und stellen sich die Frage, ob eine Analyse eventueller Missstände tatsächlich das ist, was sie befriedigt. Es entsteht ein Hungerergefühl, das befriedigt werden soll durch Arbeit für renommierte Kolumnen reservierter Zeitungen, durch jugendliche Blogs und Domizile im Ausland, fliehend vor der Gruppe, die man mit ihren Makeln beschrieben hat, wohl wissend, dass jene Beschreibung hauptsächlich ein Selbstportrait ist. Alter Hunger, der mit Mehl nie zu stillen war und nie zu stillen sein wird, aber eben nur mit Mehl gestillt werden kann.
Wenn man über kesse Zoten in Maßschuhen aber nun nicht schmunzeln kann, sondern, ganz im Gegenteil, sogar Abscheu empfindet, was liegt dann vor? Der Sartresche Ekel vermutlich. So lacht man nicht über sich und den Rest,man empfindet Müdigkeit, irgendeinen Punkt auf der elendig langen Stricke von Hass über Ohnmacht gen tiefe Traurigkeit, auf dem man unvermittelt steht und das Das und Dies um sich herum betrachtet. Längst schon nicht mehr abfällig sondern nur noch zermürbt, irgendwann dann auch nicht mehr zermürbt sondern verbittert und dann... dann hängt es wieder an irgendeiner willkürlichen Weggabelung, die einen nach Süden, Westen oder Norden trägt. Man beginnt sichzu fragen, was einen von Das und Dies unterscheidet und merkt schnell, es ist das Extrem, das es tut. Das Extrem der Empfindung, die Tiefe der Empfindung und dann, im besten und schlechtesten Falle, die Abgründigkeit der Tiefe. Hat man aber den Unterschied ergriffen, öffnet sich drohend ein Fragenkatalog: Ist man besser, weil man im Abseits steht? Ist man wahrhaft origineller? Ist man anders, weil man von sich auf sie schließt - oder von ihnen auf sich? Was bewirkt mehr, Wut oder Verzweiflung; Hohn oder Hass?
Und schon befinden wir uns im Dialog mit den Leuten, die wir verabscheuen, beide Seiten öffnen gemeinsam die Lippen und Worte, die aus speichelfeuchten Mündern rollen, bilden einen Satz: „Weder das eine noch das andere“ und es relativiert sich selber, wer lacht und wer höhnt, wer zeigt und wer greift.