Donnerstag, 22. Juli 2010
Der Novellist - 5. Teil
Mit zunehmender Höhe fielen die Temperaturen und Herr von Seinen zog den hin und her zuckelnden Zylinder tiefer ins gerötete Gesicht. Des Nachts schlang er seine Arme eng um den dürren Leib, zog die Knie bis hoch zu der Brust und kauerte dösend in gastfreundlichen Einbuchtungen, während er in seinem Halbschlaf von Helden nie geschriebener Geschichten fabulierte. Manche von ihnen taff und von imposanter Statur, die meisten jedoch von unvorteilhaftem Bau und stacheligem Geist.
Die Kälte machte ihm nichts aus. Während seines Aufenthaltes auf einem kleinen Plateau, nur drei oder vier Tage seit Beginn des Aufstieges, hatte ihn ein beißender Föhnwind gegrüßt und wie von selbst war seine Hand mit versteifenden Fingern zur Brusttasche geglitten, wo unverändert das Briefchen mit den Zündhölzern ruhte. Bestürzt hatte er dann auf die flache Hand gegafft, die wie eine Spinne auf seiner Brust lauerte, und sie sofort mit entschlossener Ruckartigkeit weggezogen. Seit jener unerhörten Begebenheit war er in sturer Übereinkunft mit sich selber, die Kälte geflissentlich zu ignorieren.
Als sein Kopf nach einem beflügelndem Marsch zur Mittagszeit aus den Wolken ragte und er unter sich nicht mehr die schummrigen Überreste der weiten Wüste, sondern den sanften Spielplatz des Wetters beschaute, erhellte sich seine Miene. Wie die Hände eines Kindes fuhren die seinen in die flaumig gewordene Luft und versuchten spielerisch, dem Nebelfeld kleine Büschel zu entreißen. Er lächelte selig und sog genussfreudig die klare Höhenluft in sich, versuchte sie zu konservieren. Da bemerkte sein Geruchsorgan eine vertraute Feinheit in diesem nie geatmeten Destillat purer Frische. Ja, da war mehr als bloße Reinheit! In der befreienden Kälte, die seine Atemwege betäubte, befand sich das unvergleichliche Aroma von Wald und Wiese! Herr von Seinen tänzelte über Felsbuckel und schlängelte sich an steil abfallenden Hängen entlang, übersprang gazellengleich eine gähnende Kluft. War es denn die Möglichkeit? Hier, in dieser menschenlosen Gegend, hoch droben im Paradies, da gedieh sein Tabak in natürlichstem Umfeld. Es bestand kein Zweifel! Herr von Seinen beugte sich tief in das Feld zierlicher Nachtschattengewächse und füllte seine Nase mit dem Geruch dieser edlen Pflanze. Er beugte sich hinab, bis die Spitze seines Riechorganes die oberen Blätter der würzigen Krone dieser Höhenfauna durchschiffte und inhalierte wie besessen. Eines der sinnlich gewachsenen Geschöpfe trennte er knapp über dem Boden ab und verstaute es bei seinen Streichhölzern.
Als er sich wieder aufrichtete - er war womöglich etwas benommen - zeichnete sich vor seinen Augen ein klarer Weg ab. Dort, wo sich das Heer der geliebten Pflänzchen an die Steilwand schmiegte, setzte der Novellist seine Fußspitze in den Fels und kraxelte weiter die senkrechte Steigung empor.
Abends unterbrach er den Aufstieg, als sein Hut die sanft vibrierende Schwinge eines schlummernden Adlerjungens berührte. Herr von Seinen fragte sich mit leichter Kümmernis, an was es dem zitternden Spross wohl mangele, ehe ihm gewahr wurde, dass er träumte und sich offenbar rege in seinen ersponnenen Welten umher bewegte. Ganz genauso, wie es auch der Novellist des Nachts zu tun pflegte. Es war nicht alleine, drei weitere Jungtiere teilten sich mit ihm den Hort. Der müde Herr von Seinen schob sich über den Rand des lauschigen Geflechts, rutschte nah an ein leise surrendes Vogelkind heran, ohne dieses zu wecken, und fiel auf der Stelle in einen tiefen Schlaf.
Sonntag, 11. Juli 2010
Der Novellist - 4. Teil
Wenn er sich nach seinem Mahl schmatzend und sich über die spröden Lippen leckend hurtig wieder in Bewegung setzte, so stand sein Denkapparat für eine Weile still. Er hatte Ruhe von sich selber und konzentrierte sich ganz auf den unendlichen Weg, bis der Prozess des Sinnens und Grübelns von alleine wieder in den gewohnten Trab verfiel. Ansonsten geschah nicht viel Erwähnenswertes. Vielleicht mag es den einen oder anderen tangieren, dass Herr von Seinen alle paar Meilen eine kurze Rast einlegte, um sich zu säubern und seine Garderobe einer knappen Inventur zu unterziehen. Sand und widerspenstige Reste von Salz wurden auch aus den verborgensten Nähten seiner Kleidung getilgt. Der Zylinder wurde von außen wie von innen akkurat gereinigt und entstaubt, jede unerwünschte Falte wurde mit besorgten Händen vom Angesicht des Planeten gestrichen. Herr von Seinen vertrat die Meinung, dass man umso ordentlicher in Erscheinung zu treten habe, je unordentlicher und konfuser es im Inneren des Menschen aussah. In dem Novellisten herrschte von je an Chaos. Doch er wusste sich damit zu arrangieren. Ja, er hatte es, wenn er es recht bedachte, zeitlebens genossen, eine so interessante und mysteriöse, gleichsam stets liederliche Werkstatt in sich vorzufinden. Auch räumte er dort nie auf, er verspürte etwas lockend Exotisches, ein Gefühl von Abenteuer, wie er es in weiter Ferne als Knabe beim Lesen gewisser Romane zuletzt empfunden hatte, wenn er dort Erkundungen anstellte. Er sagte sich, solange seine innere Werkstatt kaum mehr als ein staubiger Haufen von fremdartigen Gerätschaften war, solange dürfte auch noch das Quäntchen Kind, das er so schätzte, tief in seinem Geist sitzen und ihn in den entscheidenden Momenten schalkhaft lachend steuern. Also überprüfte er die korrekte Drehung seiner Hemdknöpfe, rubbelte einen Saftfleck, von einem der Kakteen stammend, peinlich berührt vom makellosen Kragen und blinzelte zufrieden in die unermüdliche Sonne. Ein paar Tage lang war er in einem ausgetrockneten Flussbett gewandert und hatte dies anfangs sehr geschätzt, da seine Wände Schutz vor der Sonne und der Heftigkeit plötzlich eintretender Sandstürme geboten hatten. Doch missfiel ihm das Wandern in dieser kärglichen Rille immer mehr, bis es ihn förmlich anwiderte und er sich aufgebracht zu fragen begann, wieso er jemals einen Fuß in diese frevelhafte Schändung der sonst so herrlich einförmigen Wüste gesetzt hatte. Fortan lief er querfeldein und achtete nicht einmal darauf, gen Westen zu pilgern, sondern schritt einfach in die Richtung, welche ihm im Augenblick am meisten behagte. Immer, wenn er irgendwo eine Fata Morgana erblickte, korrigierte er seinen Weg so, dass er sich möglichst weit von ihr abwandte und bald schon wurden diese Luftspiegelungen zu seinen wahren Wegweisern. Sobald er ein verräterisches Flimmern in der Ferne ausmachte, drehte er sich auf der Stelle um und schritt weit in die entgegengesetzte Richtung aus. Eine Zeitlang noch trieb es den Lektor spielenden Novellisten in seltsamem Zickzack durch das Sandmeer, bis er urplötzlich einfach haltmachte. Eine Weile stierte er durch den Vorhang seiner verklebten Wimpern mit verwundertem Ausdruck geradeaus. Dann räusperte er sich leicht, wischte sich übers Gesicht und trat letzten Endes wieder ein paar Schritte zurück. Als letzten kläglichen Versuch griff Herr von Seinen zu seiner Brille und schob sie sich kritisch das dürre Nasenbein hinauf. Angestrengt blickte er wieder auf das vor ihm liegende, nun freie Feld. Es war schon wundersam. Tat er einen Schritt nach vorne, so tat sich vor seiner Gestalt ein Berg von epochaler Größe auf. So breit, so massig, so göttlich, dass er ihn unter keinen Umständen bisher übersehen haben konnte. Ging er jedoch wieder zurück, so lag die Wüste in jener steppenhaften Einheitlichkeit vor ihm, wie er sie kennen und schätzen gelernt hatte. Zurück, vor, zurück, vor. Kein Zweifel, er war hier auf etwas Sonderbares gestoßen. Er zuckte die Achseln, kramte dann aber eifrig seine Notizen hervor, wühlte in dem wohl sortierten Stapel, bis er einen Zettel fand, der ihm passend erschien, und notierte mit ruhiger und langsamer Schreibhand etwas von einem eigentümlichen Breitengrad. Dann nahm seine Hand an Geschwindigkeit auf und er gab sich einem ungehemmten Schreibfluss hin. Bereits Geschriebenes wurde einfach von diesem Erguss überlagert. Was machte es schon, er konnte es erneut niederschreiben, schließlich befand sich doch alles in seinem Kopf! Eine Parade von Stichworten und Querverweisen zog sich nach wenigen Minuten über die Seite hinab und endlich beruhigte sich die unermüdliche Tatze und der Füller wurde zurück in seine sichere Halterung geführt. Eine Weile noch betrachtete Herr von Seinen das soeben Verfasste, machte abermals ein paar Schritte vor und zurück, als wollte er die Authentizität des Abbildes der Wirklichkeit auf seinem Papier überprüfen, und nickte dann voll Zufriedenheit. Mit graziöser Behutsamkeit, als trage er ein Neugeborenes, lagerte er seine Unterlagen wieder fest an seiner Brust, knöpfte das Jackett bis oben hin zu und betrat ohne Umschweife den Fuß des Berges.
Montag, 5. Juli 2010
Der Novellist - 3. Teil
Er gähnte herzhaft, streckte alle Viere von sich und erhob sich aus dem knöcheltiefen Wasser. Gischt kräuselte sich liebkosend um seine Gamaschen. Wenige Schritte von ihm entfernt stand eine vermummte Gestalt und starrte ihn aus großen braunen Augen heraus an.
Herr von Seinen klappte seinen Zylinder aus und schüttelte ihn ein wenig hilflos in der Luft herum, woraufhin eine Hundertschar winziger Tropfen aus dem Stoff sprang. Dann platzierte er ihn an seinem zugewiesenen Platz über der Stirn, um ihn sofort danach höflich zu lüpfen. Während er sprach, legte er die Entfernung zwischen sich und dem verdatterten Herren zurück.
„Guten Tag, der Herr. Mein Name ist Lars von Seinen. Schriftsteller bin ich von Beruf, Novellist um genau zu sein.“ Er lächelte höflich. „Vielleicht haben sie ja schon einmal von mir gehört.“
Da der Fischer keine Anstalten unternahm, aus seiner schweigsamen Starre zu erwachen, fuhr der Novellist Lars von Seinen munter fort: „Eine malerische Küste haben sie hier. Ja, sie können sich glücklich schätzen. Hätten sie wohl die Güte, mir zu erklären, wo genau wir uns befinden? Ich muss gestehen, im Laufe der vergangenen Tage etwas die Orientierung verloren zu haben.“ Er warf aufs Geratewohl ein paar prüfende Blicke zu allen Seiten. „Womöglich bin ich ein wenig von meinem ursprünglich geplanten Kurs abgekommen.“ Mit einem offenen Lächeln fixierte er den schmalen Spalt der Kopfbedeckung, die nur Platz für ein wenig Stirn und jene großen Sehwerkzeuge ließ.
Endlich rührte sich sein Gegenüber, er löste unglaublich langsam die Verschränkung seiner Arme und machte einen Schritt auf Herrn von Seinen zu. Kleine Rinnsale von feinem Sand gossen sich hierbei aus den frisch geöffneten Stoffkanälen seiner Tracht und wurden vom Wasser gleichgültig gefressen, das nun seine nicht beschuhten Füße, die enorme fleischige Zehen aufwiesen, wie leichter Wind umspielte. Die Antwort gab er mit einer tiefen, stumpfen Stimme in sehr langsamem Sprechtempo.
„Lrink Sgetra end. Mulctestref sturenk pehrk… Krellster end rents spar.“, er nickte bekräftigend und klatsche dann mit unveränderter Miene zweimal in die schaufelartigen Hände.
Herr von Seinen schaute ihm beeindruckt ins Gesicht. Nur einmal zuckte sein Mundwinkel kurz, während er nachdachte. Auf seinen Zügen lag unverändert das höfliche Lächeln.
„Das ist interessant. Es ist noch früher Morgen; wenn sie nichts dagegen haben, würde ich mich gerne für eine Weile zu ihnen gesellen. Mit etwas Geduld gelangen wir vielleicht zu einer Verständigung.“ Der Fischer grinste ihn an. Zusammen gingen sie den Stand hinauf, ließen sich am Fuße eines Baumes nieder, der aus korbartigem Material zu bestehen schien und auch sonst einer Palme ausgesprochen ähnlich war, und schufen Kommunikation. Herr von Seinen malte unter Zuhilfenahme all seiner Gliedmaßen und mehrerer Stöcke und Farne Landkartenteile, Gegenstände und Gestirne auf den Boden. Der Fischer hatte sich seines Gewandes entledigt und stand ihm mit freiem Oberkörper gegenüber. Sie gestikulierten, in regelmäßigen Abständen begann der Novellist zu schreien, einmal verschwand er für längere Zeit hinter dem Baum und kam mit völlig zerzaustem Haar und einer Beule im Zylinder wieder zum Vorschein. Dann standen sie wieder voreinander, sprachen sich vor und nach, klopften sich auf die Schultern, klopften sich auf die Bäuche, sperrten ihre Münder auf und lachten immer laut, wenn ein neuer Meilenstein auf dem unerbittlichen Pfad mittig von zwei vollständig unterschiedlichen Sprachen passiert wurde. Gemeinsam bauten sie diesen Pfad aus, anfangs dünn wie ein Nadelöhr, weiteten sich seine Grenzen und gegen Nachmittag gelang es ihnen, Hand in Hand diesen frisch geräumten Weg entlang zu schreiten. Sie verstanden einander.
Als Herr von Seinen sich nun um genaue Angaben bezüglich ihres Aufenthaltsortes erkundigte, sprach der Fischer flüssig und leicht verständlich die Worte: „Dies hier ist der Strand. Dort ist das große Wasser.“
„Ja.“, erwiderte Herr von Seinen. „Wo liegt Westen?“
Sein neuer Freund nickte und betrachtete seine Hände. Herr von Seinen wiederholte seine Frage und nun zeigte der Fischer fort von dem Meer, den langen Strand hinauf.
„Dort. Große, weite Wüste. Sie frisst.“ Dann rannte der Mann aufs Wasser zu, preschte durch die Brandung und warf sich auf den Bauch, woraufhin er vollständig unterging. Als er wieder auftauchte, zappelte ein silbern schillernder Fisch in seinen mächtigen Händen. Am Strand scharrte er mit seinen Füßen ein rechteckiges Becken in den Sand, das sich rasch mit Wasser füllte, und ließ seine Beute in den flachen Käfig gleiten.
„Wüste ist zu dir, wie Land für Wassertiere ist. Willst du Fisch für deine Reise?“
Doch Herr von Seinen hörte gar nicht hin, seine Augen kundschafteten die weite Ödnis im wiedergefundenen Westen aus.
„Wo ist ihre Familie, mein Herr?“, nahm er schließlich das Gespräch wieder auf.
Ohne Zögern kam die Antwort. „Ich bin alleine. Hier lebe ich. Ich erzähle Menschen von weiter Wüste. Und von großem Wasser. Ich träume, dass ein kleiner Mann mir den Auftrag gegeben hat, es den Reisenden zu sagen.“ Nun strahlte er, aber seine Augen wirkten matt in dem vom Salzwasser glänzenden Gesicht.“
Herr von Seinen war immer noch abwesend und antwortete mehr aus gutem Benehmen denn aus Interesse.
„Kommen denn viele hier vorbei?“
„Von dem großen Wasser oder von der weiten Wüste?“, lachte der Fischer. „Nein, nicht viele, natürlich nicht. Noch nie kam einer. Wer sollte denn auch? Das große Wasser ist leer, die weite Wüste ist leer. Und beide sind tot.“ Er klatschte wieder in die Hände. Als Herr von Seinen den Blick wieder auf ihn richtete, fiel ihm zum ersten Mal auf, dass drahtige Geschwüre die Arme und den Brustkorb des Fischers verunzierten. Er sagte noch etwas zu ihm, der Fischer schaute ihn stumm an und stand wie versteinert am Strand. Der Seewind heftete Sandkörner an seinen feuchten Körper. Winzige kleine Dampfbällchen pufften aus den beiden Ohren des Fischers und erinnerten Herrn von Seinen an die schmächtigen Rauchwolken, die die Cecillie aus ihrem Schornstein gepresst hatte. Er sollte hier wirklich keine Zeit vergeuden. Das Leben war kurz und in seinem Fall vielleicht schon zur Hälfte verstrichen, wie er sich seit Jahren im Stillen predigte, wenn Bequemlichkeit sich seiner Knochen bemächtigen wollte.
„Werter Herr, meinen besten Dank für das Angebot mit dem Fisch. Aber ich bin versorgt.“ Er klopfte demonstrativ auf seine wohl gepolsterte Brust.
„Nun, ich würde sagen, es wird höchste Zeit, dass ich meinen Weg fortsetze. Ich danke ihnen aufs Herzlichste für die anregende Konversation und die wertvollen Informationen. Einen sonnigen Tag wünsche ich noch.“ Er hob den Hut zum Gruße, verbeugte sich dabei schwungvoll und drehte sich auf dem Absatz um. Seine Füße trugen ihn in die weite Wüste und hinterließen erst feuchte, schon bald aber trockene Spuren, die der Wind mit Eile verschwinden ließ. Hinter ihm wurde der Fischer immer kleiner und verschmolz mit wachsender Entfernung mit dem dünnen Strich des Meeres.
Sonntag, 27. Juni 2010
Der Novellist - 2. Teil
So fand er sich nun wieder, im Schoße des weiten Meeres, und sah als winziger Punkt im Spiegelbild grobschlächtiger Wolkenbilder klein und unbedeutend aus. Sein Gesicht gewährte der Sorge ob der scheinbar ausweglosen Situation jedoch keinen Zutritt und so war sein Mund zwar in einer faltigen Art verschlossen, die man leicht als Säuerlichkeit fehldeuten konnte, doch seine Augen waren entspannt geöffnet und gaben sogar unverhohlenes Schimmern einer sattsamen Zufriedenheit preis. Nicht mehr lange und auch die krümeligen optischen Reste der treibenden Monarchin wurden von der Ferne geschluckt. Ein ruhiger Dämmerbau legte sich mit imponierender Geschwindigkeit über die ganze Welt und der Wind erstarkte, als wollte er der majestätisch heran schreitenden Nacht einen hochmütigen Gruß entgegenwerfen. Wie um Achtung zu zollen, schob Herr von Seinen den oberen der drei zuvor geöffneten Knöpfe zurück in sein Knopfloch. Dann schielte er auf den Kopf der Pfeife, deren Mundstück immer noch krampfhaft von seinen Zähnen umklammert wurde, ließ beim Anblick der jämmerlichen Schlammbrocken, die einst seinem geliebten Tabak angehörig gewesen waren, ein enttäuschtes Brummeln entweichen und wand sich dann auf den Rücken, um sich treiben zu lassen.
Während der Tag eilig dem Weg der Cecillie folgte und in der Kehle des Horizontes versank, sortierte der Novellist die Blätter zurück in ihre ursprüngliche Ordnung, indem er drei Stapel auf Brust und Bauch anhäufte, die nach und nach wieder zu einem großen wurden. Der Wind stellte sich nun gut mit ihm. Als diese Arbeit getan war, blickte er zufrieden an sich hinab und prüfte abermals seine Pfeife. Die spärlichen Reste des Tabaks waren getrocknet und wie durch ein Wunder hatte sich die Packung Zündhölzer in seiner Brusttasche als wasserfest erwiesen. Mit neuem Elan klemmte sich Herr von Seinen den Papierstapel zwischen Hemd und Jackett, knöpfte dieses bis oben hin zu, sodass die Blätter fest und sicher an seinem Herz lagen, und verwandelte die letzten Krümel des unbekannten Tabakgemisches in eine heimelige Glut. Voll Freude stellte er fest, dass der gewohnte Geschmack sich wieder einfand. Vielleicht etwas milder und kratziger als sonst, aber immer noch von unverkennbarem Wald- und Wiesencharakter. So trieb er in seinem nassen Bett. Am Himmelszelt schälten sich die Sterne aus der friedlichen Dunkelheit, als wollten sie auf das winzige Glimmen dort unten im Meer antworten, und Wind und Wellen trieben Herrn von Seinen sanft in die fleischlosen Arme des Ostens.
Irgendwann in der unentschlossenen Zeit zwischen Morgengrauen und Mittagsstunden erwachte er aus einem dämmrigen Halbschlaf und schlug die Augen auf. Eigentümlich spitze Bauten in einer gelben Einöde von erschlagender Weite hatten seinen Traum bestimmt. Fremdartige Blumen hatten diese ansonsten kahle Welt bevölkert. Er blickte nach oben in die von klarem Blau durchsetzte Höhe und bewegte seine Beine in rhythmischer Betriebsamkeit, um sich zusätzlichen Antrieb zu verschaffen. Es war ein friedlicher Tag, die schillernden Geräusche des ruhigen Ozeans lagen beschwingt in seinen Ohren und er sinnierte eine Weile über die Bedeutung dieses merkwürdigen Traumes. Weil er weder Hunger noch Durst verspürte, waren der einzige Grund zur Klage seine nassen Stiefel. Da die Sonne aber warm und freundlich schien, die Luft klar war und aus der längst erloschenen Pfeife immer noch ein angenehm würziges Aroma in seine Nase strömte, war der Tag durchaus als prächtig zu verbuchen. Schließlich brach erneut die Nacht herein und Herr von Seinen verfiel früh und zufrieden in seinen seichten Schlummer. Abermals träumte er und als sich zum zweiten Mal der Tag aus seinen himmlischen Gemächern hinab zur Erde bequemte, war immer noch kein Land in Sicht. Wind und Wellen taten weiter ihre Arbeit, Herr von Seinens Füße traten pflichtbewusst Wasser und das Meer duftete.
So zogen die Tage vorüber, gaben milde Nächte ihren Einstand und Herr von Seinen vergaß, sie zu zählen. Dann und wann las er seine Schriften Korrektur, verbesserte mit seinem Füller Kleinigkeiten oder beseitigte Ungereimtheiten. Sobald er spürte, dass Müdigkeit ihn zu überkommen drohte, schob er die Blätter zurück zum Mutterstapel an seiner Brust und schlummerte in bequemer Rückenlage.
An seinem letzten Tag auf See tauchte urplötzlich ein gewaltiger Wal neben ihm auf und begleitete ihn ein Stück. Sein müdes und entzündetes Auge musterte ihn lange und eingehend. Dann tauchte der Riese mit leisem Grollen wieder in die Tiefe hinab.
Als die folgende Nacht im Begriff war, sich aufzuhellen, stellte Herr von Seinen verwundert fest, dass er nicht mehr schwamm sondern lag.
Donnerstag, 24. Juni 2010
Der Novellist - 1. Teil
Lars von Seinen war ein Novellist, wir würden sagen, ein durchaus rechtschaffender, ehrenhafter Novellist. Er sprach nicht übermäßig viel, jedoch auch nicht auffällig wenig. Er tat sich, er konnte es sich ob seines zahmen Erfolges jüngster Tage durchaus leisten, in Maßen großzügig, legte jedoch kein großmütiges, geschweige denn prahlerisches Gebaren an den Tag. Wenn man nach ihm fragte, wenn Bekannte in sich forschten, welche Meinung sie Herrn von Seinen gegenüber wohl vertraten, so kam man zumeist zu dem Ergebnis, dass es sich hierbei um einen angenehmen, gesitteten und nicht zuletzt respektabel gebildeten Zeitgenossen handele, dessen Bekanntschaft man sich in keinster Weise zu schämen bräuchte.
In jenem Augenblick befand sich Herr von Seinen an Deck eines drolligen Dampfers. Er hatte sich dieses Schiff extra für seine Reise gechartert, war der einzige zahlende Passagier, und sie befanden sich bereits seit ungezählten Tagen auf hoher See. Der Horizont bog sich kreisrund um das Zentrum des Meeres, das, wie es Auge, Gefühl, wie auch beinahe schon Vernunft, nickend bestätigen wollten, sie selbst waren. Hie und da bog sich eine besonders große Welle keck aus dem wabernden Graublau des Ozeans und brach daraufhin wieder in das große Nichts des riesigen Organismus zurück.
Es steckte keine Eitelkeit in seinem Handeln, höchstens eine Spur von gesunder Egozentrik war zu finden. Der tatsächliche Grund für seine gesellschaftslose Reise auf eigens gemietetem Kahn war sein Wunsch nach Inspiration. Lars von Seinen befand sich die meiste Zeit an Deck, saß in seinem extra für diesen Zweck angefertigten Sessel und sinnierte in sich hinein. Der Wind blies ihm ins Gesicht und um die Ohren, ganz egal, in welche Richtung er seinen Thron auch ausrichtete. Beizeiten, wirklich nicht sehr oft, warf der Kapitän und Steuermann einen Blick aus seinem kleinen Kabuff hinaus auf Herrn von Seinen. Doch weilten seine Augen nie lange auf dieser Gestalt – es war einfach kein besonders aufregender Anblick, der sich da bot. Leicht schlaksig die Statur, dünne, etwas zu lange Beine, einen schmalen Brustkorb, aus dem zwei merkmalslose Arme ragten, die stets darum bemüht waren, mehrere Stapel von Zettel beieinander und in Ordnung zu halten. Der kantige Kopf mit seinem großen Gesicht, das sich noch weit bis in jene Regionen erstreckte, die in anderen Fällen dem Kopfhaar zugestanden hätten, saß gedrungen auf den Schultern und war starr auf die Schreibarbeit gerichtet. Schmale Lippen, blau von der ungewohnten Seeluft, hervorstehende Augen mit leichtem Silberblick und eine drahtige Nase, welche bis hoch zu den unerwartet struppigen Augenbrauen, die große, dunkle Striche auf seiner Stirn waren, reichte, bildeten die gottgegebene Miene des Passagiers. So, wie sie halt ausschauen, diese Sonderlinge, Schreiberlinge, dachte sich der Steuermann hierbei und belächelte diesen romantischen Festlandmenschen mit erfahrener Gutmütigkeit, ehe er sich wieder ans Navigieren machte. Auch, wenn es anfänglich den Anschein erwecken mag, Herr von Seinen sei hässlich, hätte gar eine aufs Unsägliche missratene Visage, so muss man sich nach kurzer gedanklicher Zäsur fix eingestehen, etwas vorschnell geurteilt zu haben. Nicht nur, dass die einzelnen Elemente seiner äußeren Erscheinung, so seltsam sie für sich auch sein mochten, ganz vorzüglich miteinander harmonierten, sie bildeten fast schon ein (so denn man etwas zu sehr ins Bildliche gerückten Vergleichen nicht gänzlich abgeneigt ist) lebendiges Portrait beachtlicher Prägnanz. Geschmückt wurde er von einem durchaus adretten, wenn auch Ort wie Witterungsverhältnissen gänzlich unangemessenem Kostüm, das seinen schmalen Körper in unbeschreiblicher Kombination aus Tadellosigkeit und Unbeholfenheit wie eine modische Festung umfing. Ein breiter Zylinder auf dem Kopfe, eine Brille, die jedoch stets nur zusammen geklappt am Kragen hing, und lediglich hervorgeholt wurde, wenn die Dämmerung schon lange in die Nacht übergelaufen war, und zweckmäßige Gamaschen, die farblich dezent seine knabenhaften Waden betonten, bildeten die Eckpunkte seiner Garnitur.
Just in diesem Moment hob dieser Novellist sein Bein, um sich dem rustikalen Beistelltische zuzuwenden, auf dem alle Utensilien, die für den vollendeten Genuss einer Maiskolbenpfeife vonnöten sind, in penibler Ordnung auf ihren Gebrauch warteten. Da wand sich eine zickige Bö unter seinem Arm hindurch, griff mit jugendlicher Wucht unter den Stapel abenteuerlicher Notizen im rohesten aller Zustände und hob ihn im Ganzen empor, nur um ihn in zwei bis drei Metern Höhe sanft zu zerpflücken und über unsichtbare Hügelketten hinweg gen Steuerbord zu tragen.
Herr von Seinens Haupt ruckte hoch und verfolgte die Flugbahn der frisch vollendeten Arbeit. Währenddessen beschäftigten seine Finger sich in geschickter Routine auf dem Tisch, zogen die Pfeife heran, eilten zum Tabakbeutelchen (angefüllt mit Räucherware, die er nie zu benennen wusste, jedoch sehr achtete, da sie ihm ein Gefühl von dichtem Forst und wilden Wiesen in den Brustkorb brachte) und stopften dessen Inhalt, nachdem sie eine grobe, jedoch gewissenhafte Säuberung vorgenommen hatten, wohl dosiert in den bauchigen Kopf. Da sich das Paket Zündhölzer gewohnheitsmäßig bereits in seinem Brusttäschchen befand, erhob er sich, das präparierte Rauchwerkzeug mit allen fünf Fingern umgriffen, und schritt mit misstrauischem Eifer die Flugbahn ab, über die seine flatterhafte Inspiration letzter Tage sich soeben verflüchtigt hatte. Wie bereits erwähnt, handelte es sich um ein eher handliches Wassergefährt, sodass der Dampfer nach kurzer Zeit in seiner Länge durchschritten war und Herr von Seinen noch beobachten durfte, wie die letzten Nachzügler seiner entwendeten Manuskripte nach unten und somit aus seinem Sichtfeld hinter den Rücken des Dampfers getragen wurden. Es war kein wilder, erbarmungsloser Wind, der wie tollwütig Seemeile um Seemeile übertobte, vielmehr handelte es sich um einen verspielten Luftzug, der sich, so kam es Herr von Seinen in akutem Besinnen vor, mit fast schon schüchternem, vielleicht sogar gleichsam entschuldigendem Gebaren seiner Arbeit bemächtigt hatte. Ein Fahrtwind, der noch keine rechte Kontrolle über seine ungestüme Natur hatte. Herr von Seinen hegte keinen Groll gegen ihn. Er stellte sich mit geschlossenen Füßen an die Reling und blickte auf das blubbernde Meer hinab. Kleinere Wellen schwappten gegen den Rumpf, auf dem weiter oben der Taufname „Kronprinzessin Cecillie“ prangte. Ob Scherz oder Hommage, er hatte nie nähere Auskunft erfahren können. Wie automatisch führte er die Pfeife an die Lippen und erhitzte den Tabak mit einer Flamme, die allem Pusten der Seewinde trotze. Die Cecillie trieb fort auf ihrem Weg und lies eine gestreckte Inselgruppe aus Papier hinter sich, welches sich mit Salz und Wasser vollsaugte, das die noch jungen Buchstaben miteinander und anschließend der erhabenen Unendlichkeit des Meeres höchstselbst verband. Herr von Seinen öffnete die oberen drei Knöpfe seines schnörkellosen Hemdes und nahm einen epikurisch tiefen Zug Pfeifenluft auf. Er lehnte mit angespanntem Bauch an der harten Reling und fasste die auseinandertreibenden Papiere ins Auge. Dann zwinkerte er zweimal, biss fest auf das Mundstück seiner Pfeife und federte mit einem beherzten Sprung über die Reling am Rande des Schiffes hinunter ins ozeanische Nass.
Sonntag, 20. Juni 2010
Brillanz
Und eingehüllt in raues Leder
Sei heuer deiner Düfte Lohn
In Pfauentracht erscheine jeder
Mit Wässerchen ihr mich umwerbet
Und schmucken Ketten über Wunden
Auf dass die Tochter Leder erbet
Nur dieser Wunsch hat mich gefunden
Flüssen gleich schallt der Gesang
Aus all den wohl bemalten Mündern
Um Ecken, Leuchter schnell entlang
So wollen eure Lieder plündern
Vergiss mein nicht prangt auf den Stirnen
Und angehoben sind die Kleider
Der Ballsaal ist das Haus der Dirnen
Vergänglichkeit ruft all euch Neider
Vergänglichkeit auf eure Zungen
Vergänglichkeit aus euren Noten
Vergänglichkeit um euch geschlungen
Brillanz ist nur das Gut der Toten
12.12.2007
Mittwoch, 16. Juni 2010
Das Ende der Geschichte
Was, wenn irgendwann alle Geschichten erzählt sind?
Da die menschliche Phantasie sich zwangsweise schneller als Technik und Forschung entwickelt (schließlich unterliegt sie weniger strengen Auflagen), ist irgendwann die Welt der vorstellbaren Geschichten zur Genüge erkundet. Vorstellungsvermögen und (technischer) Fortschritt bedingen sich prinzipiell gegenseitig. Erstere gibt die Impulse für zweites, zweites erweitert die Spielwiese ersterer.
Und während die Phantasie rast, schleicht der relative Fortschritt.
Sind alle Geschichten aber bekannt und werden sie – wenn überhaupt – nur noch in Nuancen variiert, stellt sich schnell Abnutzung ein. Zauber und Faszination des jeweiligen Erzählmediums nehmen stetig ab. Die mannigfaltigen Spektren vergangener und hypothetisch zukünftiger Epochen wurden weitestgehend ausgelotet – und selbst hier lässt sich das Erzählte im Regelfall auf den immer gleichen, bewundernswert wirksamen Kern reduzieren. Trieb sei Dank.
Nachdem das Theater immer mehr vom Film abgelöst wurde, wucherten die Ideen verhältnismäßig synchron zur Erschließung neuer Möglichkeiten. War man früher noch auf 1:1 abfilmbare Begebenheiten beschränkt, expandierten die Grenzen recht schnell dank sich dazugesellenden Extras wie Ton, Farbe und den ganzen Rest an manipulativer Möglichkeiten, der heute Standard ist.
Doch irgendwie scheint man nun ja an einer gewissen Grenze zu stehen. Alles, was unsere Sinne aufzunehmen in der Lage sind, lässt sich in Kunst festhalten. Jede annähernd beschreibbare Fantasie lässt sich, das entsprechende Budget vorausgesetzt, meist ohne nennenswerte Konvertierungsverluste für Dritte auf der Leinwand reproduzieren. Der aktuell als nächster Schritt cineastischer Evolution angepriesene 3D-Effekt ist bekanntermaßen ein alter Hut und verspricht auf inhaltlicher Ebene kaum Mehrwert. Eher im Gegenteil, wird er doch zumeist vielmehr zwecks Kompensierung vorherrschender Innovationsarmut angewandt (wobei das Klagen ob dieser ebenfalls seit Anbeginn der Kunst als ständige Begleitung diente, sei’s drum). Markttaugliches HD schafft bestenfalls graduelle Optimierung und das Gros bisheriger Fluchtwege (Geruchskino…) ging meist als erinnerungswürdiges Kuriosum in die Historie cineastischer Erzählkunst ein. Die nächsten vorstellbaren wahrhaftigen Entwicklungssprünge scheinen hingegen augenblicklich unbezahlbar und/oder Science Fiction.
Nochmal: Was also, wenn der Teich der Ideen leergefischt ist? Wovon ernährt sich der Mensch, der nach tristem Alltag auf Entspannung und Realitätsflucht aus ist, wenn die Kunst auf der Stelle tritt? Wer jeden Helden schon hat scheitern, ficken und siegen sehen, frustriert zusehends durch ständiges Recycling. Doch was hilft alles Klagen über stümperhafte, faule und den Massengeschmack fütternde Autoren, wenn sich schlicht nichts Neues mehr finden lässt? Und schließlich beschränkt sich dieses Problem bei weitem nicht auf die Filmindustrie.
Also ein drittes Mal in furchtbar theatralisch: Was geschieht, wenn die Gattung Mensch an die Grenzen ihrer möglichen Kultur gelangt? Wo sie sich letztlich doch durch diese definiert…